LESEN durch SCHREIBEN

Grundüberzeugung


Fast jedes Kind kommt lernwillig und neugierig in die Schule. Wenn man es richtig anregt und anleitet, wird es dem eigenen Interesse folgend und dem eigenen Entwicklungstempo gemäß den notwendigen Lernstoff von selbst erarbeiten.

Lesen durch Schreiben bedeutet: Durch eigenes, selbstständiges Verschriften lesen lernen. Das Konzept wurde 1970 von Dr. JÜRGEN REICHEN (Basel/CH) entwickelt, hat sich seither durchgehend bewährt und gilt inzwischen als eigentliche Revolution des Erstleseunterrichts.

Pädagogisch ist es getragen vom Vertrauen zum Kind und der Überzeugung, dass ein selbstständiger Mensch unserer Welt eine Hilfe ist. Didaktisch verwirklicht der Lehrgang eine Form des offenen Unterrichts. Lernpsychologisch baut er auf selbstgesteuertes Lernen der Kinder.

Diese Konzeption haben inzwischen alle neueren Erstlesewerke und Fibeln übernommen - mehr oder weniger verwässert. Dabei werfen diese "Verwässerungen" die Frage auf, ob man das originale Konzept nicht verstehen kann oder nicht verstehen will. Aus diesem Grund liegt uns daran, die eigentlichen Grundüberlegungen nochmals zu bekräftigen, nicht aus einer dogmatischen Anmaßung heraus, sondern weil sie für einen wirklichen Lernerfolg der Kinder unverzichtbar sind.

Für jeden Schulanfänger ist der Erfolg oder Misserfolg beim Lesenlernen von entscheidender Bedeutung für sein künftiges Schulschicksal. Im Erstleseunterricht steht daher mehr auf dem Spiel als nur Lesenlernen. Lesen durch Schreiben weiß um diesen Zusammenhang und orientiert sich deshalb am Ideal eines offenen Unterrichts, in dem die Schüler nicht nur das Lesen, sondern vor allem das Lernen lernen. Der Lehrgang enthält entsprechend manch Ungewohntes, was bisher nicht Bestandteil von Leselehrgängen war. Er steht auf der pädagogischen Grundüberzeugung, dass die meisten Kinder aus sich heraus lernfähig und lernbereit sind und nicht von außen dazu angehalten werden müssen. Viele didaktisch-methodische Maßnahmen, welche die Schule gemeinhin ergreift, betrachtet er als überflüssig oder sogar schädlich, da diese das kindliche Lernen eher stören als unterstützen. Leitend ist die psycho-linguistische Hypothese, die besagt, dass der Anteil von Nachahmungsleistungen im Bereich des Lesenlernens recht gering ist, da Kinder vorab durch aktive, innere Gestaltungsprozesse die Kompetenz über die Schrift erwerben.

Maßgebend ist die ungewohnte Auffassung, Leseunterricht sei um so wirkungsvoller, je unspezifischer er sei. Demgemäß wird zu Anfang nicht gelesen und Buchstabenkenntnisse gelten als nebensächlich, weil lernpsychologisch gesehen gerade die Buchstaben-Laut-Zuordnung sekundär ist. Nach heutigem Verständnis sind zum Lesenlernen mannigfache syntaktische und semantische Fähigkeiten die viel wichtigeren Voraussetzungen. Deshalb vermittelt Lesen durch Schreiben keine Lesetechnik, sondern fördert eine umfassende Erweiterung des Sprachkönnens, der Wahrnehmungs- und Lesefähigkeiten sowie einer disziplinierten Arbeitshaltung.

Die großen Gestaltungsfreiräume von Lesen durch Schreiben wirken positiv auf Sozialklima, Arbeitshaltung und Können der Kinder zurück. Eine friedliche Atmosphäre mit wenig Aggressivität ist oft bis ins vierte Schuljahr hinein festzustellen. Die selbstständige Arbeitshaltung und offene Lernbereitschaft der Kinder fallen auf. Die Schüler haben Vertrauen in ihre Lernfähigkeit, ihre spontane Schreibfreude ist ungebrochen und sie lesen viel und gerne - mit einem erstaunlichen Sinnverständnis.